Wanne-Eickel – 17.04.06
Die Borussenfront ist wieder aktiv:
Die Neonazis um "SS-Siggi" Borchardt entdecken die fünfte Liga für sich


Die Besucher des Verbandsligaspiels Sportfreunde Oestrich gegen DSC Wanne-Eickel am 17. April dieses Jahres hatten wahrscheinlich ein mulmiges Gefühl. Ein gutes Dutzend martialisch gekleideter Zuschauer entrollte ein riesiges Transparent mit der Aufschrift: "Borussenfront - eine Legende lebt". Der Auftritt wirkte wie ein Flashback in die finsteren 80er Jahre, als die gleichnamige rechtsradikale Hooligangruppe des Bundesligisten Borussia Dortmund die bundesdeutschen Fußballstadien terrorisierte. Der damalige Anführer der Borussenfront, Siegfried "SS-Siggi" Borchardt, gehörte an besagten Sonntag im April zu den Ausflüglern in die fußballerische Fünftklassigkeit.

"Borchardt und Kameraden treiben hier seit Monaten ihr Unwesen", sagt ein regelmäßiger Besucher der Spiele des DSC Wanne-Eickel. Auch der für Herne zuständige Bochumer Staatsschutz hat die Aktivitäten bereits registriert. "Bislang ist Borchardt nicht negativ aufgefallen", sagt Michael Bloch, Sprecher der Bochumer Polizei. Man werde ihn aber weiter beobachten. Wie auch der Verein selbst: "So lange sie sich friedlich verhalten und keine ausländerfeindlichen Sprüche ablassen, können wir nichts unternehmen", sagt DSC - Ge- schäftsführer Peter Kurek.

Die alten Borussenfront-Kämpfer haben Einfluss. Ein Jahrzehnt nachdem sich die alte Borussenfront aus den Stadien der Republik verabschiedet hatte, sprechen Stadionbesucher von einer "neuen Borussenfront". Bei den Heimspielen von Borussia Dortmund würden verstärkt rechtsextreme Jugendliche auftauchen. Von den alten Mitgliedern sind nicht mehr allzu viele dabei. Die feierten am 31. März im hessischen Kirtorf "20 Jahre Borussenfront" - 600 Gäste grölten "SS, SA, Borussia". Zuletzt wurden einschlägig bekannte Mitglieder der alten Borussenfront September 2005 nach einer Schlägerei und Übergriffen auf Ausländer vorübergehend festgenommen.

In Dortmund und in den anderen Stadien der Bundes- und Regionalligen haben Borchardt und Gefolgschaft Stadionverbot. Für die unteren Klassen gilt dies nicht. Und Wanne-Eickel liegt nicht nur geografisch nahe. Der "Deutsche Sportclub" spielt wie der BVB in Schwarz-Gelb und Borchardts Freundin hat ihre Heimat ebenfalls im eingemeindeten Herner Stadtteil. Vielleicht hält er sich deshalb bislang vornehm zurück.
Siegried Borchardt wurde in seiner langen Neonazi-Karriere mehr als 25 mal verurteilt. Körperverletzung, Sachbeschädigung und Propagan- dadelikte stehen in seiner langen Vorstrafenliste. 1995 musste er als nordrhein-westfälischer Landesvorsitzender zusehen, wie die neonazistische Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) verboten wurde. Seit Anfang 2000 ist Borchardt in der "Kameradschaft Dortmund". Der Zusammenschluss militanter Neonazis hat sich zur Aufgabe gesetzt, Dortmund und Umland zur rechten Hochburg auszubauen. Mit Aufmärschen, Rechtsrock-Konzerten, Szene-Läden und -Kneipen sollen die Strukturen gefestigt und ausgebaut werden.

Am Pfingstmontag kann der DSC Wanne-Eickel übrigens mit einem Sieg über den VfL Schwerte den sportlichen Aufstieg in die Oberliga Westfalen schaffen. Da der Verein aber keine Lizenz für die vierte Liga beantragt hat, bleibt SS-Siggi der Verbandsliga wohl erhalten.
Quelle: taz, 03.06.2006
Dortmund - 03.04.06
Schweigeminute für "Schmuddel"

Mit einer Demonstration durch die Dortmunder Innenstadt hat das "Bündnis 28. 3." am Samstag des vor einem Jahr getöteten Pun- kers Thomas "Schmuddel" S. gedacht: Nach Angaben des Veran- stalters nahmen bis zu 1000 Antifaschisten teil, die Polizei spricht von bis zu 800.

Gegen 13 Uhr hatten sich die Demonstranten an der Katharinenstraße versammelt. Bei einer ersten Zwischenkundgebung an der U-Bahn-Station Kampstraße erinnerte ein Freund des Ermordeten an "Schmuddel", anschließend legten die Teilnehmer eine Schweige- minute ein. Eine weitere Kundgebung fand auf der Rheinischen Straße in der Nähe des Naziladens "Donnerschlag" statt. Vereinzelt warfen Demonstranten Flaschen, Feuerwerkskörper und Steine zum Geschäft. Die Situation wäre beinahe eskaliert, als plötzlich 16 Neonazis hinter der Polizeisperre aus einem Garagenhof stürmten. Einsatzkräfte einer Hundertschaft drängten sie zurück, später landeten sie in Gewahrsam.

Das Bündnis wirft der Polizei "skandalöse Übergriffe" vor. Die Ein- satzkräfte nahmen fünf Antifaschisten vorübergehend fest - wegen ver- suchter Körperverletzung, Raub und Verstoßes gegen das Versamm- lungsgesetz.
Quelle: Ruhr Nachrichten, 03.04.06